JERKS – Big C

JERKS  – Big C 

Prolog: 

EXT. – STRASSE – TAG 

CHRISTIAN läuft mit seinen Töchtern durch die Stadt. Er trifft JOSEPHINE PREUSS. Beide sind alte Bekannte.

JOSEPHINE

Christian, mein Gott, das ist ja lange her. Wie geht’s dir?

CHRISTIAN

Josephine. Schön dich zu sehen. Ähm, vieles, ich.. ich bin jetzt Künstler-Manager, bisschen Strippen im Hintergrund, äh Strippen ziehen im Hintergrund. Ich hab als Schauspieler ja alles erreicht… Tatort,.. (ein Moment Stille) Und du so?

Eigentlich macht CHRISTIAN seit neustem nur das MGMT von seiner Freundin Emily Cox, weil die so schlechte Erfahrungen mit ihrem alten gemacht hat.

 JOSEPHINE

Wow, was ein Zufall. Ich habe meinen Manager gerade gefeuert. Und ich will unbedingt jemand aus der Branche. Vielleicht kommen wir ja ins Geschäft und du kannst für mich Stippen, äh die Strippen ziehen.

JOSEPHINE flirtet CHRISTIAN an, dem ist das sichtlich peinlich vor seinen Kindern.

CHRISTIAN

Ja, du hast ja meine Nummer. Ruf mich einfach an.

JOSEPHINE

Alles klar, BIG C. Bis bald.

JOSEPHINE hat CHRISTIAN tatsächlich „Big C“ genannt. Er wiederholt das „Big C“. Das klingt gut.

INT. – BERLINE PARTY – ABEND

CHRISTIAN, EMILY, FARIH & PHELINE auf einer Berlinale Aftershow-Party. CHRISTIAN ist seit kurzem der neue Manager von EMILY.  FARIH und CHRISTIAN lästern über die anderen Promis. EMILY  und PHELINE  stehen gelangweilt daneben.

PHELINE

Müssen wir jetzt den ganzen Abend  über das Toupet von Günther Jauch lästern.

FAHRI

Warum? Ist doch lustig…

Christian bestätigt dies grunzend.

EMILY

Naja, dahinten stehen Jana und Sophia. Da würden wir schon mal gerne hallo sagen.

CHRISTIAN

Ach, sollen wir mitkommen?

EMILY

Ne, ne. Bleibt ihr mal ruhig hier.

CHRISTIAN

Ja, dann viel Spaß euch.

EMILY  gibt CHRISTIAN einen Kuss.

EMILY

Danke Bärchen.

CHRISTIAN

Sag nicht immer Bärchen zu mir.

EMILY

Warum, du bist doch ein Bärchen. Mein Bärchen.

FAHRI lacht. CHRISTIAN peinlich berührt.

EMILY

Wie soll ich dich denn nennen, Bärchen?

CHRSITIAN

Na, keine Ahnung.

EMILY

Ne, sag schon, wie will der große Christian Ulmen, Schauspieler und Manager genannt werden?

CHRISTIAN

Ich, ich, fände Big C cool.

EMILY

 Big C?

CHRISTIAN

 Ja, besser als Bärchen.

EMILY

Alles klar, Big C. Wir sehen uns später.

EMILY klopft CHRISTIAN auf die Brust. CHRISTIAN ruft EMILY hinterher.

CHRISTIAN

Geht nur ruhig spielen Kinder, die Erwachsenen passen von hier aus auf euch auf.  Und sag Jana Grüße, „Respect to all Vaginas!“

FAHRI setzt zum Biertrinken an. Schüttelt den Kopf.

FAHRI

Riesen Fehler.

CHRISTIAN

Was riesen Fehler?

FAHRI

Wo soll ich anfangen…  Erstens, es ist uncool, wenn du deine 10 Jahre jüngere Freundin „Kind“ nennst.

CHRISTIAN

Ach komm, das war doch nur so ein Spruch.

FAHRI

Chrissi, die geht schneller mir den anderen Kindern spielen, als du “Vaterkomplex überwunden” sagen kannst.

CHRISTIAN

Quatsch, seit ich ihr Manager bin, ist die Beziehung so gut, wie nie.

FAHRI

Wobei wir beim zweiten Fehler sind. Was genau soll der ganze Management-Mist?

CHRISTIAN

Ich vertrete Emily jetzt in ihren beruflichen Angelegenheiten. Ich hab Kontakte. Zum Beispiel die Nummer vom Schweiger und so.

FAHRI

Die hat jeder Chrissi. Die gibt’s in seinem Restaurant  zu jedem 6€ Leitungswasser gratis dazu.

CHRISTIAN

Ich helfe nur ihre Karriere  anzuschieben.

FAHRI

Und ich will dich nur warnen. Berufliches und Privates  zu verbinden ist immer gefährlich.

CHRISTIAN

Pheline und du hattet euer erstes Mal vor der Kamera und dann 5 Minuten später ohne Kamera in der Besenkammer.

FAHRI

Mein Gott, ich hab nur kein gutes Gefühl.

CHRISTIAN

Vielleicht … vergrößere ich mich auch noch…

FAHRI

Christian?

CHRISTIAN

Vor kurzem hab ich Josephine Preuß getroffen. Die hat sich gerade von ihrem Manager getrennt… Und würde gerne mit mit zusammenarbeiten.

FAHRI

Noch so ein Vaterkomplex…

CHRISTIAN

Eventuell könnte ich ja auch Pheline vertreten. Bei der läuft es gerade ja auch nicht so…

FARIH plötzlich überhaupt nicht mehr in Buddy-Stimmung.

FAHRI

Du lässt die Finger von meiner Frau. Reicht schon, dass du die Karriere von Emily versaust.

Plötzlich sieht CHRISTIAN, wie sich EMILY ein paar Meter weiter mit BORA DAGTEKIN (Regie Fack Yu Göhte) und ELIAS M’BAREK unterhält. Sie lachen und BORA gibt EMILY  seine Karte.

CHRISTIAN rennt sofort los und lacht sich bei, BORA und den anderen angekommen, sofort ins Gespräch. Er nimmt BORA die Karte, die dieser EMILY hinhält, sofort aus der Hand. FAHRI hinterher. Böser Blickwechsel mit ELIAS. CHRISTIAN stellt sich vor.

CHRISTIAN

Hallo, Christian Ulmen, der Manager von Emily Cox. Ab hier übernehme ich sämtliche Geschäftskontakte.

EMILY peinlich berührt. Versucht die Situation zu klären.

EMILY

Ja, der Bora hat erzählt, dass sie für Fack Yu Göthe Teil 4 ganz kurzfristig  eine neue Hauptrolle neben Elias suchen. Die Emilia Schüle hat abgesagt.

BORA

Genau und wir können uns Emily gut vorstellen. Wir haben nur sehr großen Zeitdruck. Wir bräuchten ein E-Castingtape bis Mittwoch.

CHRISTIAN

Doch nicht Schluss nach Teil 3? Nix mit Final Fuck?

ELIAS

Ach du weißt doch, die Stones gehen auch jedes Jahr wieder auf ne neue Abschiedstour.  Oder ACDC, Guns’n’Roses…

CHRISTIAN

James Last… Ihr wisst schon jedes Mal eine Last Tour.

EMILY

James Last ist tot…

ALLE  schauen betroffen.

CHRISTIAN

Jaja, wie dem auch sei, wir würden selbstverständlich an der Figur von Emily mitschreiben.

BORA

Das Buch steht seit Monaten, wir sind 3 Wochen vor Drehbeginn.

EMILY

Christian,  das Buch ist bestimmt ganz hervorragend. Immerhin sind das mit die erfolgreichsten deutschen Filme aller Zeiten.

CHRISTIAN

Na, wenn das so ein großer Erfolg ist, dann muss da auch einiges an Gage drin sein..

EMILY unterbricht CHRISTIAN  und zerrt ihn weg. Sie ruft ELIAS und BORA hinterher.

EMILY

Ich nehme das Tape auf und schicke es euch dann sofort zu.  Christian macht nur Spaß (macht eine Alkoholikergeste).

Reaktion BORA. CHRISTIAN und EMILY gehen ab.

FARIH  und ELIAS bleiben zurück.  Tigern aneinander vorbei.

FAHRI

Na.

ELIAS

Na.

FAHRI

Was war da los mit Who am I, Elias ?

ELIAS

Ich kann dir nicht ganz folgen, Farih.

FAHRI

Wir hatten ausgemacht, dass du die lustigen Türkenrollen spielst und ich die ernsten. Und ich hab in dem Film keinen einzige absurde Verwechslungsgeschichte gesehen, geschweige denn einen einzigen verschissenen Gag.

PHELINE kommt und löst die Situation auf.  Als sie gehen ein letzter böser Blickwechsel.

ENDE AKT 1

tbc.

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Vom Vergessen

Der Wind bläst eisig um meine nackten Ohren. Ich habe meine Mütze vergessen. Die mit dem großen, roten Bommel. Wer ich bin, habe ich nicht vergessen. Noch nicht. Ich bin Ben. Ich habe am achten März Geburtstag. Ich bin 27 Jahre alt und ich wohne in Berlin. Schlesienweg 12/1. Mein Arzt sagt, ich soll mir das alles jeden Tag aufs Neue aufsagen. Warum? Ach, ja. Ich habe Alzheimer. Hätte ich fast vergessen. Lustig, was? Anscheinend muss man dafür gar nicht so alt sein.

Ich bin ein medizinischer Ausnahmefall. Der erste meiner Art. Der Jüngste mit Gehirnschwund. Mein Vater hat mir seine Drecksgene vererbt. Anscheinend hat sich bei mir schon vor Jahren aus fehlerhaft gefalteten Beta-Amyloid-Peptiden Plaque gebildet. Zusammen mit Neurofibrillen schränkt er meine Gehirnzellen bis zur Unfähigkeit ein. Ich werde irgendwann nicht mehr wissen, dass ich Ben bin. Und, dass ich hier auf dieser Brücke stehe und zittere. Ich habe so verdammt große Angst. Angst vor dem großen Nichts. Angst vor der Leere, die in etwa so aussieht wie dieses gigantisch schwarze Wasser der Spree unter mir.

Es hat ganz langsam angefangen. Wie hieß nochmal das süße Mädchen, der ich gerade die Hand gegeben habe? Um wie viel Uhr war der Arzttermin? Wie sagt man dieses Wort noch gleich? Das kennt doch jeder. Kein Grund zur Sorge. Meine Mama sagte dann so Sätze, wie: „Ben, dein Hirn ist ein Sieb.“ Auffallend wurde es, als ich vergessen habe, wie man die Schuhe bindet. Benjamin Button Effekt? Der Mann, der wieder zum Kind wird? Nein, Fucking Alzheimer.

Meine Beine zittern so sehr. Es ist hundekalt. Mist, das ist falsch. Es ist katzenkalt? Es ist auf jeden Fall sehr, sehr kalt. Vier Worte pochen mir immer und immer wieder gegen den Kopf. Soll ich es tun? Soll ich es tun? Tu es bevor es zu spät ist, sagt eine Stimme. Niemand wird es verstehen, sagt eine andere. Die Brücke schwankt leicht im Wind. Ich halte mich fester. Mir ist flau in der Magengegend und meine Knie so weich wie, so weich wie… Ach verdammt. Gute Vergleiche sind mir noch nie eingefallen.
Ich muss es tun. Ich muss es jetzt tun. Vermutlich werde ich nie wieder den klaren Kopf dazu haben. Ich blicke hinab in die Spree. Fühle den Wind. Gerate ins Wanken. Ich zittere jetzt überall. Schließe die Augen.

Als ich meinen Körper noch weiter nach vorne lehne, höre ich eine Stimme. Ihre Stimme. Die Stimme, die mich über jeden einzelnen Tag rettet. Marie. Wie jeden Freitag treffen wir uns an genau dieser Stelle, um genau diese Uhrzeit. An der Brücke. An dem Ort, an dem wir uns zum ersten Mal geküsst haben. Vor sieben Jahren. Damals, als mein Kopf nur vom Alkohol benebelt war und ich dachte, ich wäre unsterblich. Unsterblich verliebt auf jeden Fall. Jetzt sind die wöchentlichen Treffen eine Tradition aus längst vergangen, aber noch nicht vergessenen Tagen. Ein Relikt aus der schillernden Vergangenheit, das wir so in unsere biedere Zukunft transportieren. Jeden Freitag. Seit sieben Jahren. Zuerst aus einer unbeschreiblichen Romantik heraus, jetzt mit dem Ziel sie und den Kuss so spät wie möglich zu vergessen.

Ich schaue sie an. Ihre vollen Lippen. Ihre kleine Narbe an der Wange von dem Sturz als Kind. Mein Herz rast unaufhörlich. Wäre ich so alt wie der durchschnittliche Alzheimerpatient, ich müsste mir keine Sorgen mehr ums Senilwerden machen. Ich würde hier und jetzt einfach umfallen. Diagnose Herzkasper. Verdammt. Ich muss mich jetzt entscheiden. Kein weiteres Abwarten mehr. Kein weiterer Freitag und keine weitere Woche mehr, in der wir so tun, als wäre alles normal. Sie ist so gut zu mir. Die liebste Person dieser Welt. Hat mich in ihre Mitte gestellt. Sie liebt mich. Und ich liebe sie. Und das ist das Problem. Oder doch die Lösung? Ich muss es jetzt tun. Auch wenn ich Gefahr laufe sie dann für immer zu verlieren. Wie lange mein für immer auch sein mag. Keine Kompromisse mehr. Zu lange war da dieser unausgesprochene Pakt:
Ich: „Es geht mir gut“.
Sie:„ Ich bin immer für dich da.“

Das kann ich nicht mehr. Die Hilflosigkeit in ihren Augen habe ich ertragen. Bis heute und keinen Tag länger. Verdammt sie ist Mitte zwanzig. Sie sollte… Ach keine Ahnung was sie sollte. Jetzt auf jeden Fall sollten, nein, müssen wir uns entscheiden. Sie blickt mich an. Intensiv. Zerbrechlich. Liebevoll.

Sie: „Ben, geht’s dir gut? Du hast deine Mütze vergessen. Es ist viel zu kalt. Vielleicht sollten wir uns im Winter lieber am Ort unseres ersten Mals treffen.“
Sie schmunzelt dabei. Sie schmunzelt als wäre alles ok. Sie schmunzelt wie eine Mitte 20 Jährige es tun sollte.
Ich: „Im Bett deiner Eltern?“
Ihr Schmunzeln wird zum Lachen. Ein Lachen, das schreit: „Alles wird gut!“

Ich: „Alles gut“. Ich sage es mit einem Unterton, den ich mir selbst nicht abnehme.
Ich gebe mir nicht mal mehr Mühe beim Lügen. Sie gibt mir einen Kuss auf die Stirn.

Sie:„Auf was hast du Lust? Bowling?“
Sie ist süß. Voll positiver Gefühle. Seit sieben Jahren ist sie mit Ben dem Vergesslichen zusammen. Ohne sich jemals darüber zu beschweren, dass ich einen Geburtstag oder den Müll vergessen habe.

Ich: „Nein. Kein Bowling.“
Sie: „Willst du lieber eine ruhigere Nummer schieben? Kino?“
Ich: „Marie, wir müssen reden.“
Sie: „Was ist los?“
Ich: „Liebst du mich?“

Sie schaut mich irritiert an. Normalerweise antwortet sie auf mein „Ich liebe dich“ innerhalb Sekunden mit denselben drei Worten und einem nachgeschoben „auch“. Jetzt, in diesem Moment auf der Brücke ist das anders. Jetzt schaut sie mich fragend, nein verwirrt, angsterfüllt und verletzt an. Dabei sagt sie nichts.

Ich: „Du weißt, dass es so nicht weitergehen kann. Du weißt, was auf dich zukommt. Du weißt, dass ich bald nicht mehr ich selbst bin. Du weißt, dass du mich bald im Rollstuhl zu dieser Brücke hier schieben kannst, an die ich mich überhaupt nicht mehr erinnere.
Du bist Mitte 20. Du solltest…“

„Du solltest jetzt die Klappe halten!“
Sie unterbricht mich scharf. „Ich weiß ganz genau, was auf mich zukommt. Ich weiß, dass diese Brücke für dich bald keinerlei Bedeutung mehr haben wird. Ich weiß…“
„Willst du mich heiraten?“

Ich treffe sie irgendwo in der Magengegend. Sie verstummt. Zum zweiten Mal heute. Es ist raus. Vier Worte, die nun im Raum stehen und alles verändern werden. Alles. Ich weiß, dass das Unsinn ist. Ich weiß, das ist das Dümmste, was ein Alzheimer Patient machen kann. Eine Frau zum Altar zu bitten und dabei Gefahr laufen die entscheidende Frage mit einem „wer sind Sie nochmal?“ zu beantworten. Und sie weiß das auch. Ich hasse mich. Und ich will nicht, dass sie mich irgendwann als den größten Fehler ihres Lebens bezeichnet. Bevor sie eine Antwort auf meine Frage geben kann, setze ich nach.

Ich: „Weil, wenn du das nicht willst, werde ich mich jetzt einfach umdrehen und gehen und du wirst mich nie wieder sehen. Dann tu es wie ich, und vergiss mich einfach! “

Meine Stimme überschlägt sich dabei. Die letzten Worte schreie ich in die Nacht. Tränen drängeln sich an meinen roten Augen vorbei, die Wangen hinab. Ich bin machtlos. Wie ein Kind. Sie sieht mich jetzt nicht mehr an. Ihr starrer Blick auf den nassen Boden gerichtet. Der Wind bläst laut und gefährlich, aber nicht so stark, als dass sie nicht jedes einzelne meiner Worte ganz genau verstanden hätte. Langsam, ganz langsam steigen auch ihr Tränen in die Augen. Sie weint. Ganz leise. Und ganz still. Plötzlich blickt sie hoch. Genau in meine Augen. Ihre Lippen beben. Dann erhebt sie ihre Stimme. Sie zittert und bricht von Tränen und Trauer erschöpft. Ihre Worte treffen mich mitten ins Herz. Für eine Sekunde falle ich. Tief. So unendlich tief.
„Wir bekommen ein Baby.“

du darfst vom 16.03.2016

Guten Tag mein Name ist Jan Horst. Und das ist genauso schlimm, wie es sich anhört. In vollem Ausmaß Jan Felix Horst. Felix der Glückliche. Horst der Vollidiot.

All den Älteren, die jetzt vielleicht sagen, „was will der Junge mit der engen Hose denn, ist doch ein schöne Name Horst. Einer meiner besten Freunde ist selbst ein Horst“ sei eines gesagt:HORST IST KEIN SCHÖNER NAME!!! Horst ist ein Name direkt aus der Hölle, der vom Beelzebub höchstpersönlich auf die Erde gebracht wurde, um Menschen wie mich zu knechten. Es gibt Menschen, die heißen Rosengarten, oder Delacour mit Nachnamen. Das sind schöne Namen. Aber Horst nicht. Horst ist der Turnbeutelvergesser unter den Namen.

Und vor allem ist Horst überhaupt kein einfacher Name mehr. Nein. Er ist mutiert. Er wurde auf bestialische Weise und ohne seinen Willen ausgeschlachtet und zweckentfremdet. Ein unaufhaltsamer Evolutionsprozess. Survival of the unfittest. Er ist jetzt ein ambivalentes, omnipotentes Schimpfwort, das alle anderen wie Idiot, Spaten, Evolutionsbremse oder Gipskopf aufgesogen und absorbiert hat. Ich könnte genauso gut Otto Arsch oder Gunther Sack heißen. Jan Horst, der deutsche Johnny Depp. Aber es hat auch was Gutes Horst zu heißen. Denn wer kann schon von sich behaupten, dass sein Name gesteigert werden kann? Grundform Horst. Steigerung: Vollhorst. Das funktioniert mit keinem anderen Nachnamen. Müller. Vollmüller. Geht nicht. Das einzige, was noch so funktioniert ist Milch und Vollmilch. Aber alle Laktoseintoleranten da draußen wissen, dass Vollmilch erstens für den Arsch und zweitens Flitzekacke gibt.

Aber ich gebe ganz offen zu, dass ich mich damit arrangiert habe Horst zu heißen. Ich wurde dann irgendwann nach der Pubertät in die Gesellschaft eingegliedert und kann jetzt fast wie ein ganz normaler Mensch leben. Inklusion wird in Deutschland mittlerweile ja  großgeschrieben. Groß aber falsch. Aber als Kind, als Kind in der Schule ist man als Horst Kanonenfutter, zum Abschuss freigegeben. Vor allem wenn man MOHZ ist. Kennt man das? MOHZ heißt Mobbingopfer Hoch Zwei und bedeutet ganz einfach, dass man nicht nur eine, sondern zwei Angriffsflächen hat, an denen sich die schönen und starken der Klasse sukzessive abarbeiten können. Das ist zum Beispiel der Dicke, der zusätzlich auch noch einen ganz schlimmen Sprachfehler hat. Das ist ein MOHZ. Oder der Typ mit der Akne, der zusätzlich noch eine Brille hat, bei der ein Glas abgeklebt ist. Das ist auch ein MOHZ. Und ich war einen von ihnen.

Ich hatte nicht nur den doofen Nachnamen, ich hatte noch eine andere „Abart“. Ich bin als Kind nicht einfach nur größer geworden. Nein, es war als, als hätte sich jedes einzelne Gliedmaß gegeneinander verschworen und stünde in einem offenen Wettkampf darum, wer zuerst ausgewachsen ist. Und man kann sagen, dass es, als ich so 13,14 war, einen klaren Gewinner gab: MEINE OHREN. Die haben den Rest meines Kopfes so sehr gehasst, dass sie sich so weit wie möglich davon entfernt haben, so dass sie irgendwann im 90 Grad Winkel vom Kopf abgestanden sind. Schlimmer als Arsch mit Ohren ist wirklich nur Horst mit Segelohren. Ich mein, wenn ich nicht ich gewesen wäre, hätte ich mich selbst gemobbt. Wirklich jeder hat sich über mich lustig gemacht. Mitschüler, Mitschülerinnen, Lehrer, Vertrauenslehrer, Mentoren, Rektoren, Verwandte, Katzen, Hunde, sogar meine Eltern. Ja wirklich. Meine Mitschüler haben mir nur deshalb mein Pausenbrot nicht geklaut, weil sie Angst davor hatten, dass meine Mutter davor schon reingespuckt hat.

Ich habe dann eines Tages Rat bei meinem Vater gesucht und ihm erzählt, dass mich alle nur Dumbo Horst nennen und wie schlecht  es mir damit geht. Daraufhin hat mein Vater etwas gesagt, das nur ein Vater sagen kann, der selbst ein Horst ist.

Er sagte zu mir: „Mein Sohn, denk mal über folgendes nach. Bei Dumbo sind ja nicht nur die Ohren groß …“

Wir haben danach nie wieder über meine Ohren gesprochen… Und auch nicht über meinen Penis..

Das schlimmste für mich als MOHZ war der erste Schultag in einer neuen Klasse. Während andere Schüler völlig gelangweilt die Prozedur des Aufgerufenwerdens über sich ergehen lassen, war ich schon schweißgebadet, bevor der Lehrer überhaupt das Zimmer betreten hat. Am ersten Schultag wurden die ersten Gruppen gebildet und die ersten Schüler ausgegrenzt. Alles wird am ersten Schultag entschieden. Naja man sich wahrscheinlich schlecht vorstellen, wie es ist als Horst in einer neuen Klasse, am ersten Schultag, wenn die Lehrerin die Namensliste vorliest. Aus genau diesem Grund habe ich einen Text geschrieben, um dieses Gefühl mit allen zu teilen.

»Stefan Otto Gekeler?«

Frau Schmidt, 53, Vollblutpädagoging mit Hang zur Strickmode sagt das mit der gleichen gelangweilten Stimme, mit der sie schon die ersten sieben Namen der neuen 7a des Friedrich-Schiller-Gymnasiums aufgerufen hat. In nach vorn gebückter Schonhaltung bläst sie gebetsmühlenartig Name um Name durch geschürzte Lippen. Ihre Unlust steht miefig und dicht in der Luft, wie ein nicht enden wollender Furz. Auf ihren Ruf hebt ein verformter, spätestens nach der dreiwöchigen Schonzeit gemobbter Junge, zaghaft seine Hand. Für ein aussagekräftiges »Hier« reicht es noch nicht, und wird es vermutlich in diesem Leben auch nicht mehr. Nach kurzem Handheben zieht er sich klappmesserartig in seine Fötusstellung zurück.

Ich halte den Atem an. Oh man, schon bei G wie Gekeler. Das heißt noch ein vielleicht zwei Namen, die aufgerufen werden, bevor das große Gelächter losgeht und sich sämtliche Chancen bei Frauen genauso schnell in Luft auflösen, wie die Option auf eine wenig tiefsinnige, aber den Zweck erfüllende Freundschaft mit den Schönen und Reichen der Klasse. Ich muss mich mit der Ruhrpott-Sau Stefan und den anderen Vollpfosten der Klasse abfinden.

Meine Hände schwitzen, meine Füße auch. Das liegt aber an meinen neuen, turbogeilen Skater-Schuhen und nicht an der Angst vor den tumultartigen Szenen, die sich schon in wenigen Sekunden, wie an jedem ersten Schultag in einer neuen Klasse, abspielen werden.

»Jasmin Haller? «

Ein blondes Mädchen, hebt ihr helles Köpfchen und setzt mit geschwollener Brust zu einem »Hier« an. Interesse weckt diese Ausgeburt zweier Eltern natürlich nicht. Dann räuspert sich Frau Schmidt, legt ihre Stirn in Falten, Geifer tropft ihr vom haarigen Kinn. Und dann, urplötzlich mit der Stimme einer Naturgewalt, setzt sie zum alles vernichtenden finalen Todesstoß an:

»JAN FELIX HORST???«

Als hätte sie soeben den Witz des Jahres, nein des Jahrzehnts gerissen, schrecken alle wie von Zeus-Blitz getroffen hoch und prusten ohne auch nur mit der Wimper zu zucken los. Es folgen aufgedrehte Blicke, tränenverschmierte Augenpaare und geballte Fäuste. Sie alle suchen das elende Namensopfer, den Horst, die Steilvorlage von Mobbing in seiner reinsten Form und finden ein in der hintersten Ecke zusammengekauertes Häuflein Elend, das jammernd und schluchzend noch ein leises »Hier« herausbekommt, bevor es vor lauter Scham und Trauer für immer im Erdboden versinkt…

4. Advent

Mittlerweile ist Weihnachten. Oder besser gesagt, habe ich mich dazu entschlossen, meinem Buch ein besinnliches Weihnachtskapitel hinzuzufügen. Bei der losen Reihenfolge, in der mein Leben hier glorifiziert wird, kann eh keiner nachprüfen, welche Jahreszeit sich da im Hintergrund etwa verstecken könnte. Da muss man schon auf die Verfilmung warten.

Jetzt gibt es auf jeden Fall ein kleines Weihnachtsspecial, das vom Leser immer dann rausgeholt werden soll, wenn die besinnliche Zeit im Dezember an die Tür klopft und die ersten Weihnachtsmänner ihren kalorienreichen Auftritt haben. Da fällt mir ein, was hat sich die Weihnachtsindustrie eigentlich für die gesundlebenden Menschen ohne Zucker im Speiseplan ausgedacht? Klassische Schoko-Weihnachtsmänner sind aus Schokolade. Ungesund. Der Weihnachtsmann ist aus Coca Cola. Ungesund. Plätzchen sind auch aus purem Zucker. Ungesund. Was also essen die Veganer? Vegetarier? Zucker-Verweigerer? Moment. Was höre ich da? Von irgendwo schreit jemand (der Lektor) „Orangen, Nüsse und Mandarinen“. Schnauze Lektor. Das gibt es ja wohl das ganze Jahr. Aber ich schweife ab. Es ist also gerade Weihnachten draußen. Ich persönlich merke das tatsächlich immer daran, dass ein Weihnachtssonderheft ansteht und in der Stadtmagazin-Redaktionssitzung die alles entscheidende Frage gestellt wird:

Chef: „So Eier auf den Tisch. Wer von euch degenerierten Gesichtsgüntern übernimmt die Weihnachtsmärkte in diesem Jahr?“

Degenerierte Gesichtsgünter: Schweigen.

Chef: „Ach Männer, das ist doch schön, nehmt ihr eure Frauen mit.“

Männer: Lachen.

Die gesammte Mannschaft prustet sofort laut los. Tränen Fließen. Guter Gag. Stadtmagazin Redakteure und Frauen. Das hat gerade Mal beim Chef geklappt, weil der sich als einziger den Thailand Urlaub samt Rückflugticket für zwei leisten kann.

Der Thailand Chef fragt: „Wer hat das denn letztes Jahr gemacht?“

Alle zeigen mit gespreiztem Zeigefinger auf mich! Kollegenschweine.

Chef: „Ach der Horst mal wieder. Wie geht’s daheim? Gut, sie übernehmen das.“

Ich frage zurück: „Chef warum gehen Sie eigentlich nicht mehr raus vor die Tür und packen die Weihnachtsmärkte an den Hörern, wie in guten alten Zeiten. Nur Sie und das Mikrofon. Sie haben Ihren Biss verloren, ziehen Sie doch nochmal in den Kampf.“

Er blickt mich kurz an, grinst und sagt: „Das klingt ganz verlockend Horst, aber ich bin über Weinachten immer in Thailand.“

Andere Versionen derselben Ausrede: „Ich bin Ostern in Thailand. Ich bin am Wochenende in Thailand. Ich stecke gerade in Thailand.“

Vorsicht Doppeldeutigkeit in dem Wort stecken sind beabsichtigt.  Immer Thailand. Lernt den keiner was, aus den Naturkatastrophen?

Wie auch immer. Ich sitze also auch in diesem Jahr an dem Best of der Weihnachtsmärkte der Region und ziehe mir verachtenswerte Phrasen aus den Fingern. Die schönsten Weihnachtsmärkte der Region. Es schwappt eine Welle des Zorns über meine schmalen Schultern. Wut steigt plötzlich in mir auf. Ich kenne diese Momente allzu gut. Jetzt gibt es genau zwei Möglichkeiten. Entweder ich atme 50 Mal ganz schnell ein und aus und falle dann hyperventilierend um, oder ich lasse dem Ärger freien Lauf. Ich entscheide mich für Möglichkeit Nummer zwei und nehme – wie immer in diesen Momenten – das böseste, fieseste Buch meines Hausrats hinaus, um den Hass noch weiter anzufachen. Ich habe die Unschuld kotzen sehen. Die Boshaftigkeit spritzt mir in jeder Zeile in die Augen. Angetrieben von der politischen Inkorrektheit Dirk Bernemanns zücke auch ich den Stift der Verderbnis.

Mit erhobenem Stinkefinger schieße ich eine Zote nach der anderen aus der Hüfte. Der Hass bahnt sich seinen unaufhaltsamen Weg nach draußen und hinterlässt einen literarischen Wut-Tornado. Ziel meiner linkischen Attacke ist natürlich der gerade aufziehende Winter und mit ihm das unvermeidbare Weihnachtsfest! Feuer frei! Weihnachten, zieh dich warm an…

Draußen ist es kalt. Menschen strömen zurück in ihre aufgeheizten vier Wände, mit fetten Einkaufstüten an abgeschnürten Fingern. Der Wind. Der doofe Wind. Wenn der nicht wäre! Bestimmt zehn Grad wärmer. Eiskalte Stöße blasen um, von trendigen Bommelmützen geschützten Menschenohren. Leben tun sie alle. Lieben ein paar. Verloren wird der Verstand. Verlangt wird nach Wärme. Ein gutes Recht. Ein ehrlicher Wunsch. Verdient haben wir es uns. Jetzt wird es gemütlich. Jetzt lebt man besinnlich. Feierstimmung. Feierlust. Feiertag. Die Feier beginnt in fettigen Dosen, mit Lebkuchen gefüllt. Gefühltes Glück. Glückseliges Fest. Schnee gibt es nicht mehr. Eine Schweinerei meinen die einen. Eine respektlose Frechheit, erkennen die anderen. Das steht uns doch wohl noch zu, finden sie alle. Weiße Weihnachten. Weiße Weste. Dreimal schwarzer Kater. Der güldene Stern am Horizont erscheint, nun wissen alle, es wird gereimt. Doppelpunkt. Ein junges Männlein traurig erkennt, das Zuckergebäck schmeckt wie Zement, das Kindlein in die Tanne beißt, Opa Ludwig in die Ecke scheißt, der Papa singt, die Mama spielt, der Junge Tom sich übergiebt. Das neue Hemd, das war ja klar, landet schon bald in Afrika, auch das neue Parfüm stinkt wie die Pest, oh du schönes Weihnachtsfest! Genug gereimt.

Der Weihnachtsmann ist fett, Kettenraucher, trägt einen falschen Bart und stirbt nächstes Jahr an Adipositas. Noch stapft er schweren Herzens durch aufgeweichten Müll und rutscht krachend auf gefrorener Breche aus. Aua. Aua. Räumt ja keine mehr weg. Sitzen alle betend vor versalzenem Kartoffelsalat und aufgeplatzten Würsten. Haben sie sich verdient. Ein ganzes Jahr. Schon wieder vorbei. Die Lichter brennen an Bäumen. Zehn Haushalte standen allein in Bottrop in kerzenbefeuerten Flammen, melden morgen die Gazetten. Millionen staubige Flöten ringen sich Milliarden falsche Töne ab. Ganz toll Julia. Wunderbar Bernd. Vorzüglich Sabine. Und jetzt Bescherung. Oh, schon so spät. Hop, hop, auf, auf in die Kirche. Das hat sich der Herr Pfarrer redlich verdient. Predigt sich das ganze Jahr den Staub von den Stimmbändern, um dann einmal im Jahr der gefeierte Superstar zu sein. Zusammen mit Jesus. Zwei Stars zum Anbeten. Gegen elf fiedelt André Rieu uns in den Schlaf. Gut macht er das. Eine letzte fröhliche Flatulenz verlässt einen aufgeblähten Magen. Ein Kind onaniert sich in den Schlaf. Alle sind glücklich. Haben wir uns verdient.

Das war keine Heimat. Es war die Hölle auf Erden.

Was ist das eigentlich, Glück? Ich sage dir, was das ist. Der größte Bullshit aller Zeiten. Es ist der größte Fang, den die Werbung je gemacht hat. Größer, als die Erfindung des Weihnachtsmanns. Oder es war eben die verdammte Regierung. Ein Fake. Ein Bluff. Eine fucking Lüge, Dude. Und wir glauben den ganzen Mist auch noch. Denken wir sind glücklich, wenn wir die neuen Jordans haben, wenn wir den fetten Scheck bekommen, wenn wir verdammt noch mal geküsst werden. Scheiß Gesellschaft. Scheiß Liebe. Wer hat überhaupt gesagt, dass man mit spätestens 30 heiraten muss. Verdammte Kinder bekommen muss. Nichts macht die Menschen unglücklicher als das, Mann. Glaubst du etwa nur weil du irgendwann 30 wirst, ist die Frau an deiner Seite plötzlich die Richtige? Bullshit. Und doch will jeder sein Stück vom Glückskuchen. Und wir merken nicht mal, dass das alles ein Schwindel ist. Einer Marketing-Strategie. Weiß du, ich glaube wir sind dazu verdammt dem ach so tollen Glück ein ganzes Leben atemlos nachzurennen. Wie ein dummer Hund. Ohne jemals das Stöckchen zu finden. Ich hasse Hunde, Mann. Scheiß Köter. Aber ich liebe dich, Bruder. Das weißt du.“

      Als Ryan seinen Monolog beendet hatte, wurde er ganz still. Dachte noch einmal über alles nach. Wusste, dass er recht hatte. Dass er in diesem Leben niemals glücklich werden würde. Er war so wütend. Auf sich selbst, auf sein Leben, auf sein Scheitern, auf die 20 Jahre seines Lebens, auf Sophia und auch auf John, der nur wenige Zentimeter von ihm entfernt auf dem kalten Asphalt saß. Ryan wartete auf eine Reaktion. Vergeblich. Stille. Sekunden vergingen. Bald Minuten. Keine Antwort. Kein Blick zu der Stelle, auf der sein Bruder saß und kauernd an seinen Fingern nagte. Die Stille wurde zur Ewigkeit. Mit jedem weiteren Moment der Sprachlosigkeit wurden die Schultern der beiden Jungs schwerer. Noch schwerer als Blei. Sie hatten sich den ganzen Abend nicht ein einziges Mal in die Augen gesehen. Ryan blies den Rauch der Zigarette in die Nacht. Den Kopf weit nach oben gestreckt. Sein Kehlkopf zeichnete sich deutlich ab. Die Augen hielt er geschlossen.

      Ryan hatte Angst. So verdammte Angst, ihn zu verlieren. John saß bewegungslos neben ihm. Er antwortete nicht. Nicht, weil er nicht wollte, er konnte nicht. Schon die ganze Nacht hatte er diesen Kloß im Hals. Diesen fetten Klos, der ihm die Luft zum Atmen nahm. An sprechen war nicht zu denken. Es würde ihre letzte gemeinsame Nacht sein. Für immer. Ryan hatte sich wie immer betrunken, hatte geraucht, hatte den Schmerz ertränken wollen. Es war noch schlimmer als sonst. Er fing dann an zu philosophieren. Wie immer. Wenn man das überhaupt so nennen konnte. Er wurde depressiv. So depressiv. Verschloss sich vor der Realität. War ein Schatten. Nicht mehr als ein kalter Schatten. John hasste ihn dafür. Hasste seine alkoholgeschwängerten Predigten. Hasste seine eigene Machtlosigkeit. Hasste es mit ansehen zu müssen, wie alles was ihm einmal wichtig war zusammenbrach. Wie er sein Leben hinschmiss, als wäre es nichts wert. So oft hatte er ihn aufgemuntert, hatte ihm die Flasche entrissen. Das war keine Liebe mehr. Ihre Jugend war längst vorbei. Johns Geduld am Ende. Es machte ihn verrückt. Er wusste es, es gab für ihn nur diese eine Möglichkeit. Er konnte das nicht mehr. Es war Zeit zu gehen. Für immer. Viel zu lang saß er neben diesem Abschaum, mit dem er Tage und Nächte verbrachte, den er an diesem einen Tag im Sommer aus dem Teich rettete, der ihm daraufhin ewige Treue schwur. Und auch wenn von diesem Menschen nichts mehr übrig war, so fiel ihm doch jede Bewegung, jedes Wort so unendlich schwer. Er hielt für einen Moment den Atem an, dann nahm er seinen ganzen Mut zusammen, schaute sein Gegenüber an, erhob die Stimme, wollte etwas sagen, doch, dazu kam er nicht. Mit einem Mal riss Ryan Johns Kopf herum, packte ihn am Kragen und schrie: „Was? Was willst du noch hier? Verpiss dich, Alter. Geh und lass uns alle allein! Das willst du doch.“ John stieß Ryan reflexartig zur Seite. Etwas zu stark. Ryan blieb still liegen, presste die Augen fest zusammen. Murmelte stumme Wörter über seine rauen Lippen. John stand auf, atmete noch einmal tief durch und ging. Für immer. Es wurde Zeit. Das hier war nicht mehr seine Heimat. Das hier war die Hölle auf Erden.

Ich lasse meine Finger von der Tastatur sinken. Lege den Kopf schief. Kratze mich am Kinn und atme tief durch. 742. Genau so viele Wörter sind mir in den letzten 30 Minuten über die Finger gekommen. Das macht pro Minute 24 Wörter. Pro Sekunde sind das ungefähr so viele wie bei 24 durch 60 eben rauskommt. Kann sich jetzt jeder selbst dran machen, das per Kopf oder Papier samt Bruchstrich und so Sätzen wie „2 im Kopf“ zu lösen. Ich hab dafür keine Zeit. Weiter machen. Immer weiter machen und Mathe ist seit dem Abi nicht mehr relevant. Erst jetzt merke ich, dass auf meiner Stirn ein Schweißfilm schimmert. Ich lese jedes der 742 Wörter noch einmal. Vorsichtig bewege ich mein aufmerksames Augenpaar über den Bildschirm. Wort für Wort. Zeile für Zeile. Absatz für Absatz. Prüfe, lese, wäge ab. Meine Gesichtszüge entspannen sich. Mit jedem weiteren Satz betoniert sich mein erster Eindruck. Nach 3 Minuten bin ich fertig. Mein Puls rast. Mir ist heiß. Dann wieder kalt. Dann muss ich pinkeln. Ich pinkle ins Waschbecken, wasche meine Hände in der Kloschüsse, kehre zurück und habe nun die Gewissheit: ÜBERLEGENES MATERIAL. Klarer Fall. Jan Günther Horst. Geiler Typ. Massiver Autor. Besser geht’s nicht. Pieper, Pulitzer, Porsche.

Okay, ich gebe zu, immer wenn ich etwas geschrieben habe, schwirrt mir genau dieses Dreigestirn durch den Kopf. Viel zu oft stellt dich dieses Gefühl aber leider spätestens am nächsten Morgen als total unbegründet dar. Deswegen traue ich meinem aktuell sehr positiven Gefühl nicht über den Weg. Da hilft nur gegenlesen, runterdampfen, abmelken und weiter runterdampfen. Kill your darlings oder so. John und Ryan. Geile Namen schon mal. Stände da Gerhard und Gebhard würde das wohl keinen interessieren. John und Ryan. Klingt wie ein Roman aus Amerika. Ausgehendes 20 Jahrhundert. Aber ausgehend von meinem Wissensstand über diese Zeit eher die falsche Epoche für mein Mammutwerk.

Es gibt tatsächlich nur eine einzige Möglichkeit das Neuverfasste direkt auf Top oder Flop, Hip oder Hop, Katz oder Maus, Herz oder Niere zu testen. Und zwar sich selbst sofort eine Kritik zu schreiben. Und zwar eine, die sich im Gegensatz zu mir gewaschen hat. Ich glaube die großen Schriftsteller haben mindestens einmal gesagt, dass sie selbst ihre größten Kritiker waren. Also warum dieser Tradition nicht folgen. Ich zücke also zum zweiten Mal heute meine beiden Zeigefinger und schlage sie wild auf die Tastatur ein.

„Der dilettantische Jungautor Jan Horst bringt schon in den ersten Zeilen seines geschmacklosen Debütromans alles zum Einbruch, was er niemals in der Lage war aufzubauen. Semantische Querschläger werden abgelöst von einfarbgiger Gesellschaftskritik. Der Sound, eigentlich das Herzstück einer jeden Erzählung, präsentiert sich hier so hölzern wie ein Stück Rindenmulch, der Inhalt so hohl wie das Rohr, das man dem Autor nach jeder Zeile über die Rübe ziehen möchte. Hier bockelt und scheppert es an jeder Stelle. Auch eine im Ansatz schöne Idee verkommt durch sprachlichen Übereifer zu reinster Staffage. Jeder Grundschulaufsatz zum Thema „Meine Ferien“ hat einen fesselnderen Spannungsbogen. Dabei weiß doch jedes Kind: Zusammenhangslose Ellipsen sind nicht nur aus der Mode, sondern auch ein schmerzender Schlag ins entsetzte Gesicht des Lesers! So nicht Herr Horst! Sechs, Setzen!“

Ich denke, die Geschichte von John und Ryan lasse ich erst mal auf der Seite liegen.

Die Lesung – Teil 2

Was bisher geschah: Hier nachlesen!

Jan Horst hat seine eigene erste Lesung. Eingeladen hat ein Stammtisch. Der Abend steht unter dem Motto: Die Stadt macht gelb – Pipi gelb um genau zu sein.

Ich ziehe mich erst mal, wie es sich für einen Star gehört, Backstage zurück. Backstage ist heute, wie soll es anders sein, ein Klo. Aber nicht das Klo, das alle benutzen, sondern das VIP Klo für Angestellte. Ich hatte zwar noch nie eine Lesung und wie ich das einschätze, wird es dazu auch so schnell nicht mehr kommen, aber ich finde es wichtig vor dem Auftritt einen Rückzugsort zu haben, in dem man nochmal in sich und den Text gehen kann. Soundcheck gab es nicht. Sprechprobe auch nicht. Mir auch egal, ich weiß als blutiger Anfänger ja nicht, dass sich sowas vor einer Lesung eigentlich gehört und ein Ausfall ein absolutes No-Go darstellt. Ich war übrigens selbst erst auf einer einzigen Lesung. Heinz Strunk. Erste Reihe. Ungefähr drei Jahre her. Davon ist mir eigentlich nur noch im Kopf, dass Strunk aus einer Tür kam, das Licht auf der Bühne aber noch aus war und sich keiner – sowohl Publikum und Veranstalter – um seinen Auftritt gekümmert hat. Man hätte da als Literaten-Star cool reagieren können und entweder einfach wieder in das schwarze Loch verschwinden oder die Situation lässig und charmant mit viel Selbstironie überspielen können. Hätte man. Denn es gibt eben auch noch die andere Variante mit einem solchen Faux Pas umzugehen: Wild meckernd, sein Buch krachend auf den Holztisch werfend, rief er Flüche und Verwünschungen in den schlagartig verstummenden Raum. Ich erinnere mich an ein: „Das warf doch wohl nicht wahr sein.“ Auch ein „was soll die Scheiße hier“ war wohl dabei. Zum Abschluss seiner Hasstirade schoss er noch ein „Eigentlich sollte ich jetzt sofort heimfahren, ihr Drecksschwaben“ nach. Peinliche Stille. Keiner traute sich auch nur ein Wort von sich zu geben. An ausgelassene Plauder und Lesestimmung, an Bonmots und spontane Limmericks war nicht zu denken. Der Shark wurde gejummpt. Dem Star ein boshafter Nasenstüber verpasst. Erst als der Veranstalter beschwichtigend auf das Harburger Urgestein einredete und vermutlich das Budget nochmals um 100€ und eine Falsche alten Senator aufstockte, konnte sich der Studio Braunianer dazu durchringen doch noch aus seinem aktuellen Werk vorzulesen. Ich war inzwischen übrigens in einer Kurzschlusshandlung, die der vulkanartige Ausbruch des Heinzers auslöste, in die hinterste Reihe geflüchtet. Ich bin ein konfliktscheuer Mensch und hatte weder Lust in die Verantwortung noch in den Schwitzkasten gezogen zu werden. Was danach passierte? Keine Ahnung, war wohl gut.

Da fällt mir ein, ich könnte mir für meinen Auftritt auch eine Figur überlege, eine Kunstfigur, le Grandsenior Horst zum Beispiel. Und dann rede ich alles mit französischem Akzent und sage ich bin Adeliger. Oder ich ganz einfach ein Zeitreisender aus der Zukunft und erzähle den Menschen vom Jahr 2400. Das wäre jedenfalls ein Grund für einen Verlagsdeal. Da können die ganzen vor gut 40 Seiten schon besprochenen „ich erzähle aus meinem Leben“ Autoren einpacken (Neue Ideen: mein fruchtbares Leben als Hebamme, mein beflecktes Leben als Prostituierte). Oder ich bleibe einfach bei Jan Leopold Horst. In der Kürze werde ich eh keine stringente Persönlichkeit ausarbeiten. Außerdem befinde ich mich gerade auf einem Klo und da ist sowieso noch nie etwas Gutes bei rausgekommen.

Mittlerweile ist es halb 10. Ich entscheide mich wieder nach oben zu gehen und ein Gefühl für meinen heutigen Auftrittsraum zu bekommen. Feng Shui oder so. Wellen und Schwingungen aufnehmen. Der Stammtisch hat damit begonnen die Idee vom benutzbaren Denkmal durch einen Dia Vortrag noch mehr Nachhaltig zu verleihen. Die Hühner haben echt Toiletten in der Stadt aufgestellt und reingepinkelt. Ganz ohne Abwasseranschluss. Unfassbar. Ich trinke Bier, das ist ganz bestimmt die einzige Lösung mit diesem Abend klar zu kommen. Mc Hassen und DJ Ümit machen sich direkt neben mir bereit für ihren Gig und hauen sich erst Punchlines und dann Schellen um die Ohren. Und das sage ich jetzt nicht nur, weil es so ein geiles Wortspiel hergibt und mir das im Moment des Aufschreibens eingefallen ist. Neben mir bricht ungelogen ein handfester Streit zwischen den Wortakrobaten mit Migrationshintergrund aus. Vermutlich darum wer das schlechtere Deutsch spricht. Oder wer die alte Bardame abbekommt. Oder wer den größeren Spuckesee machen kann. Irgendwann bekommen sie sich wieder ein und werden von einem der Hühner zuerst auf die Bühne direkt neben den Spielautomaten und gezerrt und dann vorgestellt.

„Wir freuen uns jetzt auf unseren ersten Programmpunkt des Abends. Hassen und Ümüt alias Muttersöhne. Viel Spaß.“

Und dann kommt‘s. Wie von Geisterhand gesteuert, betreten plötzlich gut 50 ebenfalls 15-jährige Kids die Spilunke und fangen alle auf Knopfdruck und wie in einem dieser Flashmob-Youtube Videos damit an choreozugraphieren, rumzugrölen und die beiden Nachwuchsrapper anzufeurn. Vor meinen Augen verschwimmt alles. Wo kommen die her? Haben die Eintritt bezahlt? Bleiben die auch da, wenn ich lese? Kann ich die mieten? Was zum Teufel ist hier eigentlich los? Und dann beginnt es also wirklich, das erste Programmhighlight des Abends. Ich versuche die Szenerie so nüchtern wie möglich zu beschreiben. Man müsste aber da sein, um diese ganze Dramatik und Theatralik wirklich zu erfassen. Zwei 15-jährige Rapper spitten nacheinander Phrasen wie: „Ich bin zwar kein Deutsches Brot, aber trotzdem lieber hier als tot“ in EIN Mikrophon, in einer Spilunke, vor fünf betrunkenen Stammtischlern, fünf Nebenstammtischlern namens Unsere Hühner und 100 vollkommen ausrasteten Teens. Irgendwann bin ich vor Scham fast gestorben und dann an der Reihe.

Die 300 Kids sind ebenso schnell wieder verschwunden, wie sie gekommen sind. Sodass meine Hörerschaft wieder auf magere zehn plus Barfrau geschrumpft ist. Ich greife zum Mikrofon. Säubere es sporadisch mit meinem Hemdärmel, lasse es im Mikroständer einrasten und bekommen dann einen Herzkasper allererster Kajüte. Wer hätte gedacht, dass ich nach all den Jahren Masturbation am offenen Fenster noch so großen Bammel vor einer Performance vor Publikum habe. Meine Stimme überschlägt sich drei Mal bei dem Versuch „Hallo mein Name ist Jan Horst“ zu sagen. Ich schiebe kieksend nach:

„Ja, als ich gehört habe, dass der Stammtisch Unser Huhn heute das humoristische Pissoir füllen, wollte ich meinen Comedy-Strahl natürlich auch noch reinhalten.“

Nichts. Keine Reaktion. Kein Lacher. Kein „haha der war gut“, kein „Mensch gebt diesem Jungen einen Vertrag“. Keiner würdigt mich eines Blickes. Ich lasse mich aber nicht aus dem Konzept bringen und mache unumwunden weiter.

      „Ja mein Text heißt ganz einfach: Über das Pinkelverhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Geisterstunde.“

Ich beginne zu lesen. Schweißgebadet und in meinem gefühlt vierten Stimmbruch in den letzten zwei Minuten.

      Man hab ich schon wieder Blasendruck. Dabei war ich doch erst vor gefühlten fünf Minuten mein Beinchen heben. Die Rückkehr des Konfirmandenbläschens. Die Frage „to pee or not to pee“ ist vom Tisch.

Ich lasse eine erste Pause für mögliche Lacher. Habe ich mir vorher extra hingeschrieben. Pause für Lacher. Aber nix da Lacher. Arschlecken. Jetzt wirkt es einfach nur, als hätte ich mich schon nach den ersten drei Sätzen vergaloppiert. Ich schaue mich hektisch im gelben Salon um und lese weiter.

      Es muss jetzt passieren, denn die Blase ist zum Bersten voll. Widerstand zwecklos. Das Bier ist stärker. Es drückt und fließt und schiebt und drückt! Es denkt gar nicht dran, irgendwo im Körper zu verweilen, zu rasten, es sich gut gehen zu lassen. Zack, rein in den Kopf und sofort wieder raus. Vom Mund zur Blase, ein fließender Übergang. D-Zug- Tempo. Blasendruck ist, im Gegensatz zum Arschdruck, viel schlimmer und penetranter. Lässt sich der Arschdruck, mit viel Übung, einfach mal „wegsitzen“, oder „wegpusten“ (Furz), so ist der Blasendruck akut und lässt sich auf solch infantile Spielchen nicht ein. Das „Hopfen-und-Malz-Gebräu“ muss raus. Akute Platzgefahr. „Antreten zum Austreten“.

Ich überspringe ab jetzt jede Pause für Lacher großzügig.

So gleich bin ich da. Das rettende Ufer schickt seine beißend nach Urin stinkenden Duftvorboten. Ich durchschreite gespielt den Eingang der Erleichterung. Jetzt muss zu aller erst eine grundlegende Entscheidung getroffen werden. Sitzen oder Stehen? Ich entscheide mich spontan fürs Stehen.“

Plötzlich durchbricht ein schriller Kreischer meine miserable Leseperformance. Habe ich gerade einen Witz gemacht? Kommt jetzt der Durchbruch? Ich blicke von meinem Fresszettel auf und sehe, dass die Bardame grob von einem der Hauptstammtischler an den Po gepackt wird. Der Stammtisch giggelt lauthals und die Bardame kann nicht anders, als es über sich ergehen zu lassen. Ist wohl im Preis inbegriffen. Einen alten Senator und einmal an Arschpacken! Ekelhaft. Gut ich lese also weiter.

Ich erspähe einen freien Anpisspartner auf der linken Außenbahn. Das Urinal winkt mich zu sich hinüber und ich lasse mich nicht zweimal bitten. Jaja, das Pipiverhalten von Männern ist schon eine Wissenschaft für sich. Wenn zum Beispiel ein Mann fünf Pissoires an einer Wand antrifft und alle unbesetzt sind, dann wird er zu 100% das in der Mitte nehmen. Jeder weitere wird die Flügel besetzten und über außen kommen. Dann wird’s schwer. Entweder man hat so ein großes Selbstvertrauen in den Inhalt seiner Hose und stellt sich dazwischen oder man setzt sich auf die von Zuhause bekannten Schalenklos. Ich stehe nun also ganz links. Neben mir niemand. In der Mitte ein etwa 1.70 großer, 30 jähriger Typ mit Brille, blauer Hose und großen Testikeln.“

Eigentlich stand da Eiern, aber mir ist das gerade so peinlich, dass der Ausruf Eier mich endgültig zu Fall gebracht hätte. Also weiter mit Testikeln.

Ganz rechts, Typ Schrank, 100 Kilo aufwärts, verschwitztes T-Shirt.

Mir fällt gerade auf, dass ich meinen Text vielleicht hätte üben sollen. So wie damals in der 6. Klasse, als in der Schule ein Lesewettbewerb ausgerufen wurde und ich aus Harry Potter und der Gefangene von Askaban las und damit einen guten 5. Platz belegte. Egal. Weiter.

Alle plätschern schon fröhlich vor sich hin und auch ich lege gerade Hand an, zum finalen Schlag… Da öffnet sich plötzlich die Tür und den Raum betritt ein Sitzpinkler, wie er im Buche steht, ein Abklemmer der alten Schule. Fettige Haare, schlecht sitzende Hose, Hornbrille. Scheues Reh. Sichtlich peinlich berührt. Man könnte so böse sein und sagen, so einen kann nur eine Mutter lieben. Mach ich aber nicht. Natürlich sucht er schnell ein freies Sitzklo, doch die Rechnung hat er ohne den in Tür eins sitzenden, betrunken Kai gemacht. Auch Tür 2 ist besetzt. Hier schläft seit 2 Stunden Klaus der Trunkenbold. In Tor 3 sitzt der Zonk und auch er verweigert ihm den Eintritt. Er muss sich zu uns gesellen. Wir drei freuen uns schon und keiner verlässt seinen Platz. Ein bisschen Spaß muss sein. Wir wollen es ihm ja nicht zu leicht machen. Er schlürft zu uns rüber. Langsam lässt er den Reißverschluss aufgleiten und stößt gleichzeitig Stoßgebete zum Himmel, einer von uns würde sich verpissen, doch wir bleiben hart. Jetzt geht’s los. Er ist ein typischer Wandpisser. Das heißt er lehnt sich soweit nach vorne, bis er denkt sein Gemächt ist aus dem Blickwinkel. Doch er hat nicht mit meinen Adleraugen gerechnet. Ohje, ein klarer Fall von „drei Haare am Sack und das in der Mitte tropft“. Armer Kerl.

Mittlerweile ist die Musik wieder angegangen und zwei Menschen aus den Untiefen des Raumes haben sich erhoben und tanzen nun zu Ein bisschen Spaß muss sein. Ich versuche dagegen anzureden, aber keine Chance. Roberto Blanco hält mich singend im Schwitzkasten und gibt mir eine Watschen, wie so vielen vor mir. Mein Elend ist nun kaum mehr zu steigern. Wie paralysiert performe ich einfach weiter. Jetzt ist eh schon alles egal.

Ein beißender Geruch steigt mir in die Nase. Ich habe noch nie Pipi gerochen, das im olfaktorischen Bereich so offene Geschmacksknospen einrennt. Ich bin tief beeindruckt. Chapeau. Reife Leistung. Jeder, der sagt die eigenen Ausscheidungen und Düfte sind ekelhaft und sollten unter verbale Quarantäne gesetzt werden, der unterdrückt entweder seine Triebe, oder ist eine Frau. Hochverrat am Körper. Da strengt man sich den ganzen Tag an, trinkt, isst, schlemmt und freut sich wie ein Schneekönig wenn das Ergebnis harter Arbeit endlich auf hartem Stuhl ans Licht kommt. Das Baby des Mannes. Mann erfreut sich an seinen Düften. Schau Schatz, das habe ich ganz allein gemacht. Männersache. Nun stehen wir also da. Ich, der Stinker, der große Sack und der Schwitzer. Schulter an Schulter. Reihe mit Glied. Ohne ein Wort. Wir verstehen uns auch so. Ein Hauch von Magie liegt in der Luft. Für einen Moment bleibt die Zeit stehen. Plätschern. Wie die Niagarafälle. Naturverbunden. Und dann, ohne einen Gruß zum Abschied, geht jeder wieder seine Wege. Bis das Klo schlussendlich leer ist, als wäre nichts, aber auch gar nichts geschehen.

Ich hebe die Augen. Kein Applaus. Mittlerweile singt der gesamte Laden aus einer Kehle, Griechischer Wein. Die Bardame hebt ihr Röckchen für einen Mann und ich will überall sein, nur nicht hier. Ich packe meinen Text ein. Senke den Blick und verlasse das Lokal ohne mein Bier zu bezahlen und ohne die vereinbarten 10€ Auftrittsentschädigung.

Über das Paarungsverhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit

Aus der Reihe: Drehbücher, die niemals geschrieben werden. Von Jan Horst.

Set Up:

Finn sieht Sofia tief in die Augen. Er hat ihr immer noch nicht seinen richtigen Namen gesagt. Eigentlich hat er ihr noch keine einzige Wahrheit über sich erzählt. Das macht es so wundervoll. So unbeschwert. So spannend. Sofia schaut Finn schräg an. Mit ihren blauen Augen, in diesem Schlafanzug, in diesem Bad, um 1 Uhr nachts. Von oben lärmen die Bässe. Es rüttelt an der Tür. Sie ist verschlossen und bleibt es – für die nächsten Minuten, vielleicht Stunden. Dieser Moment gehört nur Finn, und Sofia, die sich heute Nacht alles erzählen – nur nicht die Wahrheit. Das ist ihr Bund, das ihre Geschichte.

 

Finn:»Okay Margreth. Vergiss alles, was ich dir bisher gesagt habe.«

Sofia: »Was genau,Theodor? Dass du Flohdomteur in einem Wanderzoo aus Tigris bist oder, dass du Baby-Mäuse auf einer Zuchtfarm befruchtest. Mit kleinen Pipetten.«

Finn: »Alles, all das Margreth. Ich heiße eigentlich Manfred Schröder und bin Drehbuchautor.«

Sofia: »Spannend Manfred.«

Finn: »Kennst du den Pro7 Film „Das Paarungsverhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit?«

Sofia: »NEIN?.«

Finn: »Das war ein riesen Erfolg. Und ich habe das Drehbuch geschrieben. Mein Durchbruch.«

Sofia: »Wow. Und worum geht’s.«

Finn: »Pass auf, das ist nicht so einfach: Die Geschichte des Films besteht aus mehreren Einzelgeschichten, die jedoch alle miteinander verbunden sind. Also: Der erfolglose Autor Charly bekommt durch Zufall den Ferrari seines Verlegers in die Hände.Charlys Ex-Frau Manuela verliebt sich in Sven, von dem sie zuerst annimmt, er hätte ihre Tochter Hanna entführt.Sven hatte sich das Kind aber nur von Manuelas eigentlicher Babysitterin Birgit als Flirtfaktor ausgeliehen.Birgit wiederum hat für das Kind-Ausleihen eine Freikarte für ein Fitnessstudio bekommen, wo sie den Fitnesstrainer Jimmy kennenlernt.«

Sofia hält Finn den Mund zu und flüstert: »Ich muss jetzt schon kotzen.«

Finn: »Ja, und weißt du wer die Hauptrolle gespielt hat?«

Sofia: »Morgan Freeman?«

Finn: »Was zum…? Nein, mein Gott, Christoph Waltz.«

Sofia: »Der Oscar Christoph Waltz?«

Finn: »Ja!«

Sofia: »Der Nazi aus Inglourious Basterds?«

Finn: »Ja!«

Sofia: »Doktor Schulz aus Django?«

Finn: »Ja genau der, und es wird noch besser…«

Plötzlich unterbricht ihn Sofia wieder. Sie ruft: »SAT1!«

Finn: »Was Sat1?«

Sofia: »Der Film lief auf Sat1 und nicht Pro7. Und zwar 1998. Manfred, da warst du ungefähr sechs Jahre alt. Ach ja und das Drehbuch hat Peter Gerinsa geschrieben.

Sie hält ihm ihr Handy mit dem Wikipedia Eintrag vor die Augen.

»Und mit dem Inhalt hast du verstörender Weise den genauen Wortlaut aus Wikipedia getroffen. Okay Manfred, was du nicht wusstest, ich schreibe auch ein Drehbuch.«

Finn: »Ach so und worum geht’s?«

Sofia: »Es geht darum, dass ein Mädchen versucht einen Typen zurück zu bekommen und zwar mit all den typischen Dingen, die Jungs immer versuchen. Also Songs schreiben, Blumen schenken, der ganze Käse. Ich mein sowas passiert doch nicht. Oder hast du schon mal von einem Album Songs about Jason gehört? Eben! Und deswegen schreibe ich das.«

Finn: »Das klingt für mich ganz klar nach Sat1 Film Film. Fehlt nur noch, dass sich die Hauptdarstellerin in ihren besten Freund verliebt, der sie die ganze Zeit unterstützt.«

Sofia: »Tim.«

Finn: »Tim?«

Sofia: »Der Freund heißt Tim.«

Finn: »Und wer spielt Tim?«

Sofia: »Morgan Freeman.«

Sie grinsen und wissen, dass dieser Abend, dieses Gefühl so nie wieder kommen wird.

Finn: »Hast du Lust noch irgendwo anders hinzugehen?«

Sofia: »Ich trage meinen Hello Kitty Schlafanzug, du bist nur hier drin, weil du deinen Drink verschüttet hast und mich auf der Suche nach einem Fön beim Pinkeln überrascht hast. Ich kenne deinen Namen nicht und wir lügen uns den ganzen Abend an.« Sie runzelt die Stirn und antwortet dann: »Fuck, ja natürlich!«